SIERAAD 2009 im Aufwind

Der stillgelegte Gasometer, ein stimmungsvoller und funktionaler Ort für die Sieraad.
Schmuck ist in erster Linie als dekoratives Element im allgemeinen Bewusstsein präsent. Dass Schmuck auch politisch ist oder kunsthistorische Phänomene neu beleuchtet, ist weniger bekannt. Beide Aspekte zeigte die Sieraad. Die Verkaufsmesse fand vom 5. bis 8. November 2009 in die WesterGasfabriek, Amsterdam, statt.
Im Rückblick vermerken die Veranstalter Maarten Bodt und Astrid Berens den Erfolg dieser Messe zunächst in Zahlen: 10% mehr Besucher kamen, der Verkauf stieg um 54%, melden die Aussteller. Die Attraktivität dieser Veranstaltung sei für Schmuckliebhaber so groß, dass Sie auf ein Lieblingsstück sparten und sich auf der Sieraad den gehegten Wunsch erfüllen würden. Ein Erwerb, der so noch wertvoller werde, da er bewusst und mit Sorgfalt geschehe, heißt es.
Diese Haltung spiegelte sich auch in der Stimmung wieder. Die rund 70 Austellerinnen und Aussteller erfuhren einen ausgesprochen respektvollen und interessierten Umgang mit ihren Schmuckstücken. Darüber hinaus ist diese Messe ein Platz für freundschaftlich, kollegialen Austausch. In diesem Jahr zum ersten Mal auch mit den Newcomern der Schmuckszene. Sie platzierten sich als äußerer Kreis um die Stände der etablierten europäischen Schmuckgestalter, die vorwiegend aus den Niederlanden, England und Deutschland kamen. Deren Auswahl richtete sich nach der innovativen Kraft und der handwerklichen Qualität ihrer Arbeiten. Die Mischung aus expressiven, experimentellen Schmuckstücken und traditionellen Gold- und Silberschmiedearbeiten macht diese Messe für moderne Schmuckträgerinnen, Galerien und Sammler offenbar so attraktiv.
MATERIALIEN, MODEN, ALLTAGSKULTUR
Feinstrumpfhosen, Polyamid, Filz, Silikon und Papier werden gefaltet, geklöppelt, gedrückt und gezogen bis die gelernten Bilder dieser Materialien verschwinden und neue Stofflichkeiten und Formen entstehen.

Halsschmuck von Yoko Izawa.

Julia Funke, Kragen, „Die Orientierungslose“ Kunststoff, Nähfaden.

Saloukee by Sarah Kelly, Armband aus Papier, vernietet, mit Seidenband.
Porzellan und viele Perlen, aus Glas, Edelstein und Perlmutt, bildeten einen anderen thematischen Schwerpunkt.

Judith Bloedjes, Halsschmuck „Blaasbloem“.

Petra Eberz, Halsschmuck aus Farbsteinen.
Überraschende Arrangements zeigten das Spiel mit dem Alltäglichen.

Zum Beispiel Halsschmuck aus Holz und Pinsel von Jacomijn van der Donk.
Stark waren monochrome Arbeiten, deren formale Gestaltung überzeugten: mal reduziert, mal opulent oder übertrieben.

Halsschmuck von Marije Geursen.
Neben den expressiven Schmuckstücken fanden die Besucherinnen und Besucher moderne Gold- und Silberschmiedekunst; Schmuckstücke, die bewusst für den täglichen und unkomplizierten Gebrauch gearbeitet wurden. Darüber hinaus positionierte Sieraad Schmuck als Vermittler politischer und kultureller Botschaften.
SCHMUCK, POLITISCH UND KLERIKAL
Präzise und auf dunklem Hintergrund angeordnet, stach dem Betrachter die Kollektion „Bomb Wreck Jewellery“ entgegen. Die Ringe, Halsketten, Ohrhänger sind gefertigt aus den Überresten zweier Autos, die im März 2007 bei einem Bombenanschlag in Bagdad zerstört wurden. Geschmolzenes Glas, Metall, Draht und Motorteile wurden von Jiska Hartog, Michiel Henneman und Jonas Staal zu Schmuckstücken mit hoher Eigenständigkeit verarbeitet. Auch ohne Hintergrundwissen spürte der Betrachter die starke Aggressivität, erzeugt durch die Deformation der Werkstoffe, die Anordnung der Fundstücke und den konsequenten Einsatz von scharfkantigen Krabbenfassungen. Dem einzigen manipulativen Eingriff, der die erzählenden Reststücke dieses Leids zu tragbarem Schmuck machen.

Armspange, gefertigt von Jiska Hartog, Michiel Henneman und Jonas Staal aus den Resten eines Autobombenanschlags in Bagdad. Foto: Datema & Mulder.
Den kompletten Gegensatz zu der aktuellen Zerstörung im Irak bildete das Projekt „Utas Ring“, das sich mit den sichtbaren Zeichen der Kirche beschäftigt, geschaffen von den beiden Schmuckgestalterinnen Beate Eismann und Anja Geiling aus Naumburg und Halle. Anlass für die kunsthistorische Auseinandersetzung mit dem Dom zu Naumburg, ist die Tatsache, dass der Domschatz über sakrale Kunst -und Kulturgüter verfügt, jedoch befinden sich in ihm keine Metallarbeiten und insbesondere keine Schmuckstücke. Die Schmuckstücke von Beate Eismann schlagen die Brücke zwischen mittelalterlicher Schmiedekunst und moderner Formgebung. Anja Geiling schafft mit ihrem Halsschmuck ein Bild für die Zeitspanne von der Spätromanik bis in unser Jahrhundert. Ihre Schmuckstücke machen die Wurzeln unserer Kultur ohne belehrenden Charakter sinnlich erfahrbar.

Pars Pro Toto, Halsschmuck aus Kupfer und Gold von Beate Eismann. Foto: Eismann, Geiling.

Patina, Halsschmuck aus Kupfer, Emaille, Silber und Citrin von Anja Geiling. Foto: Eismann, Geiling.
DIAMOND MATTERS UND ZU HAUSE SEIN
Die Fotodokumentation „Diamond Matters: von den Minen zum Jet-Set“. Den Weg dieses Edelsteins zeichnet der Fotojournalist Kadir van Lohuizen schonungslos und lebendig nach. Ergänzt durch Zitate der abgebildeten Personen – von Minenarbeitern, über Steinschleifer bis zu Händlern – ist die Ausstellung ein beeindruckender Aufruf für den fairen Handel mit Diamanten.
„Zu Hause sein.“ Ein Gefühl und eine Sehnsucht, die in bewegten Zeiten aktuell ist. Die Designerin Marieke van Diepen läd mit Ihrem Projekt zum Mitgestalten ein. Wo fühlen wir uns zuhause? Und muss das ein Ort sein oder kann das auch ein Gefühl sein? In der ersten Phase ihres Projektes ergündet Van Diepen mit den Besuchern der Sieraad diesen uralten Zustand. „home-away-from-home“ ermöglicht den Erwerb eines Miniaturhauses als Schmuckstück, das als Symbol für den persönlichen Besitz von Heimat und Sicherheit fungiert. Text. Susanne Schaller, Leverkusen.
Die Messe im Überblick unter www.sieraadartfair.com
Fotos, falls nicht anders gekennzeichnet: Sieraad.



