Grosse Namen, kleine Formate / Online Magazin

Grosse Namen, kleine Formate

10. November 2009 Köln – Duisburg

Pablo Picasso, Anhänger “Grand Faune”, 23 kt Gold, 8,5 × 11 cm.

Ein kleines, freundlich verschmitzt dreinblickendes Faungesicht wurde für die Kunstsammlerin Diana Küppers zum Initiationserlebnis: „1978 erwarb ich dieses Medaillon als erstes Stück – mein Glücksbringer und Beschützer, welcher mich auf allen Wegen seit dreißig Jahren nicht verlassen hat." Das Medaillon von Picasso wurde zum Herzstück einer umfangreichen Sammlung von Objets d’Art – und Diana Küppers zur wichtigsten Sammlerin auf einem Gebiet, das in der Kunstwelt eher ein Schattendasein fristet: dem Künstlerschmuck.

Die Sammlung von Diana Küppers stellt einen Großteil der Stücke in der Ausstellung „Von Picasso bis Warhol – Künstlerschmuck der Avantgarde“. Nach dem Museum für Angewandte Kunst in Köln zeigt die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg die Schau vom 29. November 2009 bis 14. Februar 2010. Zur Ausstellung ist ein aufwendig gestalteter Katalog im Hirmer Verlag erschienen. Er präsentiert die rund 160 Exponate von 42 Künstlern in eindrucksvollen Fotografien. Textbeiträge von Dr. Christoph Brockhaus, Dr. Gerhard Dietrich, Horst Keller und Eduard Trier sowie ein Begleitwort der Sammlerin ergänzen den optischen Genuss.

Schmuck nimmt eine Sonderstellung im Gesamtwerk der meisten bildenden Künstler ein. Denn neben der Aura des Kunsthandwerklichen erschwert die Ambivalenz des edlen Materials, insbesondere des Goldes, die Annäherung von Bildhauern und Maler an das Thema Schmuck. Dazu meint Eduard Trier: “Die Ikonologie des Materials im 20. Jahrhundert (…) ist inzwischen geschrieben worden, aber soviel ich weiß, schweigen sich die Künstler über Gold und Edelsteine aus. Nur eins steht fest: Als Umberto Bocconi 1912 im Technischen Manifest der futuristischen Plastik die Materialien aufzählten die sich zukünftig einem modernen Bildhauer ad libitum anböten, nannte er Glas, Pappe, Rosshaar, Leder und manch andere, aber keine Juwelen, keine edlen Metalle.” Doch haben sich Künstler wie Picasso, Max Ernst oder Georges Braque einmal auf das Material Gold eingelassen, dann verfallen sie bald seiner Faszination, der einzigartigen Fähigkeit, “in seinem strahlenden Glanze die körperliche Form in ihrer Begrenztheit aufzuheben, eben zu entgrenzen und damit zu transzendieren”, bemerkt Trier.

Niki de Saint Phalle, Brosche/Anhänger “Nana Dansante”. Gold, farbiges Email, 8 × 10,5 cm.

Günther Uecker, Ring, 1986. Gold, 4,5 × 5 × 5 cm.

George Braque, Brosche “Hekate”. Gold, blaues Email, 5,2 × 5,5 cm.

Neben der Besonderheit des Materials unterscheidet die erfahrbare Nähe der Objekte, ihr Einbezogensein in die menschlichen Beziehungen den Schmuck von der Kleinplastik. Schmuckstücke verschwinden nicht – oder nur selten – im Museum, sie sind im gesellschaftlichen Umfeld sichtbar, haben als persönliche Identifikationsobjekte teil an der Kommunikation der Individuen. Im Gegensatz zur Großplastik, die dem öffentlichen Raum, der Architektur zugehört, erscheint Schmuck, wie Horst Keller anmerkt, vorwiegend im privaten Bereich, er ist eine “intime Kunstform”.

Gotthard Graupner, Brosche „Kissen“, 1965. Mischtechnik, Leinwand, Schaumstoff, bemalte Pappe, 8 × 7 × 2,6 cm.

NICHT IMMER GELINGT KUNST

Das Schmuckstück als Klein(st)plastik lebt von der Reduktion der künstlerischen Mittel, von der Konzentration auf das Wesentliche. Dabei ist die Handschrift des Künstlers meist deutlich erkennbar, Themen und Motive des bildhauerischen Werkes werden aufgenommen und umgesetzt. Doch das ist nicht überall gleichermaßen überzeugend gelungen.

Die kleinen, ansteckbaren bemalten Kissen aus Schaumstoff, Leinwand und
Pappe von Gotthard Graubner wirken nur wie Vormodelle zu seinen großen Kissen-Bildern. Günther Ueckers Igel-ähnliches Ringobjekt und die nagelbewehrte Armspange – sie verblieben im Besitz des Künstlers – sind wohl eher als unverbindliche Spielereien zum Nagel-Thema zu verstehen. Die farbig emaillierten Broschen von Roy Lichtenstein – angefertigt für Wohltätigkeitsveranstaltungen – sind nur dekorativ und wenig aussagekräftig. Ganz anders die farbenfrohen “Nanas” der Niki de Saint Phalle. Zwischen 1973 und 1991 entstanden als eigenständiger Bereich ihres bildhauerischen Werkes – zum Teil in Zusammenarbeit mit der Sammlerin Diana Küppers – zahlreiche Schmuckobjekte in begrenzter Auflage. Es ist erstaunlich, wie die „Nanas“, im Original überdimensionierte stilisierte Frauenfiguren, in der Reduktion auf das kleine Format ihre Ausdruckskraft ungemindert entfalten und ihre ausgelassene Lebensfreude der Trägerin mitteilen. Auch für die anderen Motive – Schlangen, Herzen, Mund und Hand – gilt ohne Einschränkung, was Dr. Gerhard Dietrich konstatiert: "Die kleine Form erweist sich so als der großen ebenbürtig.“

Gleiches gilt für die Stücke von Max Ernst. Seine archaischen Masken und Gesichter aus Gold entstanden in den Jahren 1959 bis 1961 in Seillans in Südfrankreich. Sie wurden von Francois Hugo, einem Goldschmied in Aix-en-Provence, mit dem Max Ernst befreundet war, kongenial umgesetzt, ebenso die abstrahierten Natur- und Landschaftsformen von Dorothea Tanning, der Lebensgefährtin von Max Ernst in diesen Jahren.

Max Ernst, Anhänger “Tete á Cornes”. 23 kt Gold getrieben, 19 × 12,5 cm.

Auch für Picasso arbeitete Francois Hugo Schmuckstücke in Gold und Silber. Der Universalist Picasso, der sich ohne Berührungsängste schon früh mit verschiedenen Formen des Kunsthandwerks beschäftigte und 1936 die ersten Schmuckstücke für Dora Maar fertigte, nähert sich dem Thema Schmuck und Edelmetall ganz unvoreingenommen. Mit wenigen ziselierten Linien und Punkten skizziert er Gesichter mit ausdrucksvoller Mimik und zitiert Motive seines malerischen Werkes im Miniaturformat des Medaillons. Der „Grand Faune“, in den sich Diana Küppers verliebte, ist eines der hinreißendsten Stücke im umfangreichen Schmuckschaffen Picassos.

Wenige Künstler fertigten ihre Schmuckstücke selbst, meistens wurden sie nach Zeichnungen oder Plastilin-Modellen von professionellen Goldschmieden ausgeführt. Besonders hervorzuheben sind, neben dem bereits erwähnten Atelier Francois und Pierre Hugo in Aix-en-Provence, Sven Boltenstern in Wien, der die “Nanas” in Edelmetall und Email umsetzte, und Gian Carlo Montebello in Mailand, der die Arbeiten von Claude Lallanne und Lowell Nesbitt ausführte. Eine in jeder Hinsicht große Ausnahme ist Alexander Calder. Der 1898 in Philadelphia geborene Bildhauer war Autodidakt und fertigte schon als Kind erste Schmuckstücke aus Draht. Der Schmuck gehört also wesentlich zu seinem künstlerischen Werk. Die ausdrucksvollen Arbeiten – Spiralen und rhythmische Wellenstrukturen sowie skizzenhafte Naturformen – besitzen den spielerischen Charme von Kinderzeichnungen und entfalten zugleich archaische Wucht. Funktionselemente wie Broschierungen oder Nietenverbindungen sind keine Fremdkörper, sondern gehören zum Objekt. Bei keinem anderen Künstler erwächst das Schmuck-Schaffen so selbstverständlich und gleichsam organisch aus dem Gesamtwerk, wirkt die Grenzziehung zwischen Schmuck und Kunst so nebensächlich wie bei Calder. Wohl deshalb findet sich seine dynamisch-raumgreifende Spiral-Brosche als Titelbild des Katalogs.

GRENZZIEHUNG ZUM DESIGNERSCHMUCK

Überhaupt die Grenzziehungen! “Bildhauerschmuck unterscheidet sich prinzipiell durch seine künstlerische Gestaltung vom Designerschmuck”, heißt es lapidar im Beitrag von Prof. Brockhaus. Demzufolge wären, um nur ein Beispiel zu nennen, die kinetischen Ringe und Armreifen des Bildhauers Pol Bury Kunstwerke, die kinetischen Schmuck-Objekte des Goldschmieds Friedrich Becker, der als Designer auch Serienprodukte für die Schmuckindustrie entwickelte, jedoch nicht. Das scheint mir nicht vom Objekt her, sondern von einem idealisierenden Künstlerbegriff aus gedacht zu sein. Kunst ist, was Künstler machen, in strikter Abgrenzung zu Handelswaren und Serienprodukten. Dass ein Künstlername aber auch zum Marken-Label werden kann, lässt sich anhand des Katalogs gut verfolgen: „Bijoux de Braque“ sind die kleinen exquisiten Kunstwerke von Georges Braque signiert, die in Auflagen bis zu 75 Exemplaren aus Gold, Email und edlen Steinen gefertigt und bereits 1963 in einer großen Ausstellung im Louvre gezeigt wurden. Sie zeigen, daß Kunst und professionelles Produkt-Marketing sich keineswegs ausschließen.

Bleibt die Frage zu beantworten, „warum Medaillen und Plaketten bildender Künstler längst ihren Einzug in Kunstmuseen gefunden haben, nicht aber der Schmuck von Bildhauern.“ (Brockhaus) Die Frage ist berechtigt, denn, wie Ausstellung und Katalog eindrücklich zeigen, die kleinen edlen Stücke stellen nicht selten eine formale und thematische Verdichtung der bildhauerischen Werke dar, ihre Quintessenz, gefertigt aus dem mythischen, lichtgesättigten Werkstoff Gold. Aber vielleicht ist die Antwort ja ganz einfach: Schmuckstücke wollen eben lieber getragen werden als in einer Vitrine im Museum liegen! Dr. Sabine Brandenburg-Frank

Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Friedrich-Wilhelm-Straße 40
47049 Duisburg
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