In Form gegossen

Chris Wight, “Biolithic forms”, 5 Objekte, Porzellan, gegossen, handgeschnitten.
Die Ausstellung „In Form gegossen – Internationale Keramik“ in der Münchner Galerie Handwerk vom 13. Januar – 25. Februar 2012 zeigt das zunehmende Interesse vieler Keramiker am Guss – ein Verfahren, das bisher eher mit der industriellen Keramikfertigung verbunden wurde. Die Auseinandersetzung mit der Tradition und den Techniken – etablierten als auch modernen – sowie den Möglichkeiten der Individualisierung von Gegenständen stehen im Mittelpunkt. Der Spielraum im Experimentieren, den die Veränderung der Gussform, zur Verfügung stellt, ist von großem Reiz: Formen werden bewusst verfremdet und bearbeitet, das Element des Zufälligen wird einbezogen. Fast scheinen die mit Perfektion und Harmonie verbundenen Gießverfahren zu einer Durchbrechung aufzufordern. Zugleich lädt die Arbeit mit Gussformen zur Reflexion über Serienfertigung und Einzelstück, zum Verhältnis von Alltagsgegenstand und Kunstobjekt ein. Die ausgestellten Werke präsentieren Arbeiten aus dem Bereich vom ungewöhnlichen, innovativen und praktischen Geschirr bis zum künstlerischen Objekt oder Installation.

Dik Scheepers, »Pieces of π«; Gruppe aus 222 Gefäßen; Porzellan, Schlickerguss.

Louise Hindsgavl, “Modern Consumer”, Porzellan, 28 × 32 × 24 cm.
Der Schlickerguss bildet eines der traditionellen keramischen Herstellungsverfahren, das besonders für Porzellan verwendet wird. Der Schlicker, dünnflüssiger keramischer Brei, wird in getrocknete Gipsformen eingefüllt, die den Wasseranteil des Schlickers aufnehmen. Nachdem die an den Gipswänden abgelagerte Masse einen bestimmten Verfestigungsgrad erreicht hat, wird der Rest der Masse aus der Form gegossen. Nach dem Antrocknen wird die oftmals aus mehreren Teilen gefertigte Form entfernt. Nach dem Trocknen können die Formen für weitere Gussvorgänge verwendet werden. Im 18. Jahrhundert erlangte der Porzellanguss an den neugegründeten Manufakturen eine Blüte. Hier wurde er auch für größere Formen sowie für Figuren eingesetzt.
Gussformen werden traditionell in Gips gefertigt, aber auch aus Holz oder Styropor. Inzwischen werden, wie bei Bartek Mejor, Gussformen digital über CAD entwickelt. Dadurch werden neue Formmöglichkeiten eröffnet. Bartek Mejors Inspirationen stammen aus der modernen Architektur, dem Origami und der Natur, die er zu spannungsvoll gebrochenen Oberflächen verarbeitet.

Behältnis „Pastel“ von Heidi Bjørgan.

Sasha Wardell, zwei Schalen, Porzellan, gegossen.
Die Ausstellung zeigt Werke berühmter „Meister“ wie Arnold Annen, Gabriele Hain, Bodil Manz, Piet Stockmans als auch junger Nachwuchsgestalter, von denen einige ihre Arbeiten bereits auf „Talente“ während der Internationalen Handwerksmesse präsentiert haben wie z. B. Dik Scheepers, dessen Gussformen aus einer festen Anzahl von Grundelementen bestehen, die immer wieder zu neuen Formen zusammengestellt werden können und damit eine Vielzahl von verschiedenen Formen erlauben. Dabei werden die Formen wiederholt, doch durch die stets leicht variierende Zusammenfügung der Einzelelemente der Gussform kann es zu Unterschieden kommen. Dieses spiegelt sich auch in den Nähten, die als „Dekorelement“ stehen gelassen werden. Dik Scheepers spielt hier mit der Gleichförmigkeit und der Perfektion, die traditionell vom Porzellan erwartet werden, und dem Anteil des Individuellen und Zufälligen. Sein Verfahren wählt den Zwischenweg: Die Formen können einander entsprechen, doch jedes Objekt unterscheidet sich in Details.
Formen können auch durch Abgießen entstehen. So gestaltet Heidi Bjørgan aus Norwegen ihre Objekte über das Abgießen schon bestehender Gegenstände. Durch die neuartige Zusammensetzung, die Kombination mit anderen Formelementen, die Farbigkeit und das keramische Material kommt es zu interessanten und irritierenden Verfremdungen, die kaum mehr an den Ursprung der Arbeiten – Alltagsgegenstände aus Wohltätigkeitsläden – erinnern. Durch die Verwandlung erhalten sie ein neues Leben und in den Zusammenstellungen neue Inhalte und Deutungskomponenten. Auch Marek Ceculas’ Werke sind als Experiment aufzufassen, als Überlegung zu überkommenen Gewohnheiten. Marek Cecula beschäftigt sich mit der Frage nach Massenfertigung und Original, indem er die Gussformen beeinträchtigt, so dass sich ungewöhnliche „Mutationen“ ergeben, die sich jeweils voneinander unterscheiden. In der Serie „Mutants“ gelingt es, durch dieses Verfahren aus den Grundformen für eine Massenproduktion einmalige Objekte entstehen zu lassen.

Amba Molly, Gefäß aus der Installation »Mitose«; Irdenware, gegossen; Höhe 40 cm.

Johannes Nagel, Krisallisation, Porzellan, gegossen, H. 55 cm.

Alison Gautrey, zwei Schalen, Knochenporzellan, gegossen, je 12 × 26 cm.
Mit dem Guss auf experimenteller Ebene haben sich auch Amba Molly und Eva Gevaert beschäftigt. Während Molly mit Abgüssen von Flaschengrundformen arbeitet, die sie dann in ihre Einzelteile zerlegt und zu einer Vielzahl von neuartigen Formgebilden im Sinne einer Reflexion über Formen, Funktionen und Traditionen kombiniert, setzt sich Gevaert mit den Möglichkeiten des Gusses bei einer Grundform in fünf verschiedenen Größen auseinander. Ihr ging es um die Gewinnung neuer Formen, die sich durch Zufall über Unregelmäßigkeiten beim Eingießen, durch Überlaufen, durch Verformungen ergeben.
Johannes Nagel wiederum bearbeitet die Gießform, indem er sie nach dem erfolgten Guss verändert und dann ein neues Gefäß aus der zugleich korrigierten und zerstörten Form gießt, um dann weitere Änderungen vorzunehmen, bis eine Reihe entsteht, die die verschiedenen Stadien der Veränderung des Prototypen dokumentiert. Bei Johannes Nagel steht die Spannung zwischen dem noch Funktionalen und dem Objekthaften im Mittelpunkt des Interesses.
Eine eigene Gruppe in der Ausstellung bilden die Arbeiten der englischen Keramiker Sasha Wardell, Chris Wight und Alison Gautrey. Sie alle arbeiten mit hauchdünnem Porzellan, das sie auf unterschiedliche Weise so bearbeiten, dass die Reinheit des Materials und die Transparenz des Scherbens noch betont wird. Sasha Wardell verarbeitet Knochenporzellan zu harmonisch-klassischen Formen mit Oberflächenrelief. Sie verwendet farbige Überfänge, in die sie mit einem spitzen Werkzeug feine Schnitte einfügt oder trägt ein Acrylmedium auf, das die Flächen beim Waschen mit einem Schwamm schützt, so dass ein Reliefmuster entsteht, da die nicht geschützten Partien leicht abgetragen werden. Chris Wight wiederum bricht die Oberflächen des Porzellans auf, um die Wandungen noch lichtdurchlässiger zu gestalten, wobei er mit der Hand schneidet und sich der Technik des water-jet cutting bedient. Seine Inspirationen kommen aus der Natur, besonders von Mikroorganismen. Alison Gautrey verwendet eine spezielle Technik, bei der Porzellan in der Gießform geschleudert wird, um eine besonders dünne Gefäßwandung zu erzielen. Zum einen zeigt sie Schalen mit einem leicht erhabenen Punktmuster, das sich nach außen oder innen wenden kann, sowie Schalen mit einem Dekor aus leicht geschwungenen Linien, die über mehrere Schalen hinweg ein kontinuierliches Band ergeben.
Von Ömür Tokgöz aus der Türkei stammen Schalen, deren Wandung mit Reliefdekor aus geometrischen Formen oder mit eiskristallartigen, gebrochenen Oberflächen verziert sind. Die ohnehin in der Dünnwandigkeit und Transparenz des Materials fragil wirkenden Schalen erscheinen dadurch nochmal zerbrechlicher und feiner.
Als Beispiele für ungewöhnliches Gebrauchsgeschirr sind die Entwürfe der Dänin Gry Fager zu nennen, die ihre schlichten Formen mit Kreuzstichmustern verziert, oder Nicole Müllers Becher und Schalen, welche durch asymmetrische fächer- und kristallinartige Ansätze und eine leuchtende Farbigkeit charakterisiert sind.
Eine Sonderstellung nimmt die Plastik ein. Hierbei stellt sich stets die Figurenplastik der großen Manufakturen wie Meissen und Nymphenburg im 18. Jahrhundert unter ihren Modellmeistern Johann Joachim Kaendler und Franz Anton Bustelli als Vergleich ein. Bewusst reagieren zeitgenössische Künstler wie die Dänin Louise Hindsgavl auf diese Erwartungen des Betrachters. Sie kombiniert Abgüsse von unterschiedlichen Alltagsgegenständen und Puppenteile zu seltsamen Wesen, die oft in spannungsreichen, aggressiv aufgeladenen Begegnungen auf traditionellen Sockeln zusammengestellt werden. Sie kontrastiert einen seit dem Barock etablierten Typus mit neuen Inhalten, die zeitgenössische Alltagskultur mit den Traditionen einer vergangenen Hofgesellschaft. Der edle, reine und elegante Charakter und die höfisch-idyllischen Motive, die mit dem Porzellan verbunden werden, stehen einer Welt aus Kitsch, Brutalität, Triebhaftigkeit gegenüber, die durch das Durchbrechen der geläufigen Erwartungen noch betont und verstärkt wird.
13. Januar – 25. Februar 2012
Galerie Handwerk
Max-Joseph-Straße 4
Eingang Ecke Ottostraße
80333 München
www.hwk-muenchen.de/galerie



