Herzensangelegenheiten

Brosche „Spange 4“ von Christine Matthias. Silber, 15,5 × 3 cm, 2007.
Sofort nach dem Abitur studieren und das Studium – ein paar Auslandssemester eingeschlossen – möglichst rasch beenden. So sieht Karriereplanung heute aus. Für Künstlerinnen und Künstler war und ist das niemals der richtige Weg. Sie brauchen Zeit – nicht nur für den Erwerb handwerklicher Kenntnisse und für die Entwicklung der eigenen Urteilsfähigkeit, sondern eben auch und vor allem für das Sammeln von Lebenserfahrungen. Nur so kann der Versuch, anderen etwas von Belang mitzuteilen, gelingen. Deshalb ist der vergleichsweise lange Weg, der Christine Matthias zum Schmuckmachen führte, mit Sicherheit kein Umweg gewesen.
Nach dem Abitur macht Christine Matthias eine kaufmännische Ausbildung. Nach kurzer Berufstätigkeit absolviert sie ein Praktikum in einer Tischlerei, um anschließend Innenarchitektur an der Fachhochschule Hannover zu studieren. In dieser Zeit beginnt sie, sich für Schmuck und Schmuckmachen zu interessieren. Mit guten Gründen bewirbt sie sich um einen Studienplatz in Halle: Die hallesche Kunsthochschule auf Burg Giebichenstein bietet ihr ein qualifiziertes und systematisches künstlerisches Grundlagenstudium und zudem die Möglichkeit, ihre handwerklichen Fertigkeiten zu schulen. In Dorothea Prühl findet sie eine Lehrerin, die ihr Zeit zum Ausprobieren und zum Nachdenken gibt. Dorothea Prühl zeigt ihr, dass Kunstmachen Arbeit ist und dass perfekte Lösungen das Ergebnis eines langen Weges sind.
Christine Matthias hat das Glück zu studieren, als die Klasse Dorothea Prühl mit der Ausstellungsreihe „Feldversuch“ in der Galerie Marzee in Nijmegen präsent ist. Sie ist in diesen, von 1998 bis 2002 jährlich dort stattfindenden Ausstellungen vertreten. So kann Marie-José van den Hout, die sich mit ihrer Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit um die Förderung des künstlerischen Nachwuchses verdient macht, Christine Matthias’ Entwicklung von Anfang an verfolgen und verleiht ihr schließlich 2008 den Marzee-Preis.
DUALITÄT VON VERBERGEN UND OFFENBAREN
Der Schlüssel für das Verständnis der Arbeiten von Christine Matthias liegt in der Dualität von Verbergen und Offenbaren. Es sind zwei Werkgruppen, in denen dieses Grundthema ganz deutlich erscheint: die von ihr auch „Herzstücke“ genannten Klappobjekte und Medaillons von 2002 und die Gruppe der sieben großen Broschen aus den Jahren 2006 bis 2008. Alles davor und dazwischen Entstandene lässt sich dem exemplarisch zuordnen.

„Klappobjekt 4“ von Christine Matthias aus dem Jahre 2002. Silber, Email, 19 × 20,5 × 1,5 cm.

Träger persönlicher, chiffrierter Botschaften. Medaillon, 3,8 × 2,8 × 1 cm, Gold, 2003.

Zwei Broschen, Silber, 6,4 × 6,2 × 3,6 cm und Gold, 6,6 × 6,6 × 2,6 cm, gefertigt 2005.
Die Klappobjekte sind kleine, aus dünnem Silber- oder Goldblech gebaute Kästen. Diese Behältnisse sind autonome Objekte oder amulettartige Anhänger. Sie lassen sich öffnen, und ihr Charme zeigt sich erst in der Handhabung. Die Kästchen bergen mehr oder weniger chiffrierte Botschaften ganz persönlicher Natur. Und doch bleibt deren Deutung für jeden offen. Ein Kästchen ist leer. Hier ist das „Herzstück“ eine Imagination. In den scherenschnittartig durchbrochenen Flächen eines anderen Kästchens finden sich Linien und Markierungen von Wegekarten – Hinweise auf magische Orte, die es in jedem Leben gibt. In einem Amulett aus Gold erkennt man schemenhaft ein porträtähnliches menschliches Gesicht, gebildet aus einer Vielzahl aufgestellter, kurzer Drahtstücke. Das Gesicht zerfließt, wenn sich der Betrachtungswinkel ändert. Gepunzte Strukturen auf den Flächen von Medaillons erinnern an Textseiten alter Bücher. Wie Metaphern auf Seinszustände wirken die fein gravierten und niellierten skizzenhaften Zeichnungen. Die Scharniere haben nichts Dramatisches, die Klappen lassen sich leicht öffnen und fallen ohne Widerstand in die Passform. Sie ermutigen zu spielerischer Handhabung.

Brosche „Spange 3“, Eisen, Silber, Süßwasserzuchtperlen, 15 × 2 cm. 2007.

Bestimmt von der Linie: Dieser Halsschmuck von Christine Matthias entstand 2009, Silber geschwärzt, 65 cm lang.
Alle Arbeiten von Christine Matthias sind bestimmt von der Linie. Von ihr ausgehend entwickelt sie die plastische Dimension der Stücke und akzentuiert mit grafischen Strukturen deren Binnenform. Das wird auch bei der Werkgruppe der großen Broschen deutlich. Thema und Motiv fand Christine Matthias in der eigenen Familiengeschichte. „Im Besitz meiner Familie“, so Christine Matthias, „befindet sich eine große Brosche, die so genannte Spange, die Teil der bäuerlichen Festtagstracht im südlichen Niedersachsen ist. Sie gehörte meiner Großmutter, die ihr Leben lang Tracht getragen hat. In der Generation meiner Großmutter erhielt ein Mädchen im jugendlichen Alter die regional typische Ausstattung, Kleidung und Schmuck, die es als Erwachsene auswies und die zu festlichen oder zeremoniellen Anlässen angelegt wurde. Dazu wurde die Brosche, eher ein Brustschild, angefertigt und mit den Initialen der jungen Frau versehen.“
Wie schon bei den Medaillons ist auch bei den Spangen der Ausgangspunkt eine persönliche Fragestellung: Was macht mich aus? Wo sind meine Wurzeln? Wie sieht zwei Generationen später eine Brosche aus, deren Format und Grundform ich übernehme? Bezeichnend sind der knappe Rand eines achteckigen Rahmens und die stabilisierende Wölbung der großen runden Innenform. Das Ergebnis ist weit mehr als ein Zitat. Es sind zeitgenössische Interpretationen. Sie sind ihrem Urbild dennoch verblüffend nahe. Sie tragen die Signaturen individueller Aneignung und lassen sich, darin unterstützt durch das große Format, als Zeichen stolzer Selbstdarstellung tragen.

Spröde und geheimnisvoll: Brosche von Christine Matthias aus dem Jahre 2009, Silber geschwärzt, 6 × 7,4 × 0,5 cm.
Die Arbeiten von Christine Matthias sind unprätentiös und großzügig – und entsprechen damit genau den Intentionen der Künstlerin. Die spröde Poesie der Bildsprache richtet sich sowohl an die sinnliche Wahrnehmung als auch an die rationale Interpretation. Ohne jeden Anflug von sentimentaler Offenbarung sind Christine Matthias’ Arbeiten kleine Altäre der Erinnerung, Verbindungsstücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Text: Renate Luckner-Bien, Fotos: Udo W. Beier, Christoph Sandig, Nikolaus Brade, Andrea Wippermann, Andreas Bartsch. Anlässlich des Marzee-Preises ist 2009 ein Katalog über Christine Matthias erschienen, aus dem einige Aufnahmen und auch der Text stammt. www.marzee.nl


