Kunst und künstlerisches Handwerk

Korsagenmobile aus dem Projekt „Halt“ von Marion Dörre. 9 medizinische Korsetts, Kunststoff, 2008. Zu sehen auf der Hessiale in Hanau.
Noch bis zum 20. September 2009 ist die Stadt Hanau mit ihrem Congress Park (CPH) Gastgeberin der Hessiale 2009. Die Hessiale ist die Landeskunstausstellung der Mitglieder der hessischen Verbände des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK). 153 Künstlerinnen und Künstler hatten sich mit ihren Arbeiten um die Teilnahme beworben. Die Entscheidung für die ausgestellten Stücke traf eine Jury. Fragen zur Position des Kunsthandwerks an den Projektleiter der Hessiale, den Grafiker und Künstler Ariel (Uwe Wagner), Bundesverband Kunsthandwerk e.V.
Art Aurea: Die Hessiale 2009 sei ein „Panorama hessischer Kunst,“ heißt es in einer Presseinformation. Warum verschwindet das Wort „Handwerk“ immer mehr, wenn es doch auch bei der Hessiale 2009 eindeutig um Kunsthandwerk handelt? Schämt man sich etwa für das Handwerk? Oder folgt man einfach dem Trend der Zeit, in der sehr großzügig mit dem Kunstbegriff umgegangen wird. Einfach weil Kunst so populär wie nie zuvor ist.
Ariel: Die Hessiale ist eindeutig eine Kunstausstellung des BBK Hessen, die 2009 zum 5. Mal veranstaltet wird. Wir haben aber, besonders beim BBK Frankfurt, eine Reihe von Mitgliedern, die das Goldschmiedehandwerk erlernt haben und ausüben. Da wir mit der Hessiale 2009 zu Gast in der Goldschmiedestadt Hanau sind, war es mit der Hilfe von Frau Dr. Christianne Weber-Stöber möglich, auch künstlerische Goldschmiedearbeiten und Kleinplastiken im Deutschen Goldschmiedehaus auszustellen. Wir möchten die Stücke jedoch nicht als Kunsthandwerk bezeichnen, sondern eher als Handwerk mit hohem künstlerischem Niveau. Ebenso werden Zeichnungen gezeigt und filigrane Arbeiten aus Glas. Übrigens schämt sich im BBK niemand für den Begriff Handwerk, zumal die Vita vieler Mitglieder einen „angewandten“ Hintergrund aufweist. Auch Bildhauer, Fotografen und Grafiker, um nur einige Beispiele zu nennen, befinden sich in einer Schnittmenge, bei der Handwerk und Kunst verschmelzen. Die Abgrenzung wird jedoch bei der Ausübung der Tätigkeit deutlich: Ein Steinmetz, der seine Arbeit als Handwerk ausübt, ist z.B. kein Künstler (auch nicht im Sinne der Künstlersozialversicherung). Ein Steinmetz, der als Bildhauer künstlerische Werke schafft, gilt als Künstler. Selbstverständlich ist weder der eine noch der andere deshalb besser oder schlechter.
Art Aurea: Sind in der Hessiale 2009 neue Tendenzen und Entwicklungen sichtbar? Wenn ja, können Sie drei Beispiele nennen, in denen dies besonders deutlich wird?
Ariel: Die in der Hessiale gezeigten Werke sind jurierte Arbeiten, die nach Aussagen der Jury neben ihrer künstlerischen Qualität „…originell waren oder mit einem neuen Ansatz überrascht haben…“. Zweifellos sind Werke, wie die bei der Hessiale gezeigten, in lokalen Kunstausstellungen seltener anzutreffen. Es wäre aber im internationalen Maßstab zu hoch gegriffen, sie mit dem Begriff „neue Tendenzen und Entwicklungen“ zu kategorisieren. Dennoch verdienen z.B. die Installation „Körperlos“ von Karin Goetz, das Video „Cinderella oder 5 vor 12“ von Monika Golla, die „Blaue Eckarbeit“ von Nicole Fehling, die Zeichnungen ohne Titel von Kathrin Brömse oder die „LöffelObjekte“ von Antje Dienstbir hervorgehoben zu werden.

„Blaue Eckarbeit“ von Nicole Fehling. Zu sehen auf der Hessiale 2009 in Hanau.

Karin Götz und ihre Installation „Körperlos“ für die Hessiale 2009.
Art Aurea: Wie reagiert das Publikum auf die Ausstellungen. Sind Sie und die Teilnehmer bisher mit der Resonanz zufrieden?
Ariel: Mit der Resonanz auf die Ausstellung sind wir zufrieden. Die Reaktion des Publikums ist weitgehend positiv. Es liegt aber in der Natur einer solchen Ausstellung, dass vor allem Besucher mit tradiertem Kunstverständnis nicht zu allen Arbeiten einen Zugang haben.
Art Aurea: Wie sehen Sie die Zukunft des Kunsthandwerks in einer Zeit, in der die Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen zur größten Sorge der Menschen geworden ist?
Ariel: Vielleicht sollte man ‚Kunsthandwerk‘, das semantisch auch Bereiche abdeckt, die mit Kunst nicht mehr viel zu tun haben, vom Begriff „künstlerisches Handwerk“ unterscheiden. Während im Bereich Kunsthandwerk viele billige Importe zu verzeichnen sind, ist das Künstlerische, wie es sich beispielsweise in individuell gestaltetem Schmuck findet, unübersehbar. Für beide Richtungen gibt es einen Markt. Im Kunsthandwerk ist der einheimische Markt gefährdet. So werden z. B. die Hersteller des traditionellen Erzgebirgischen Spielzeugs stark in ihrer Existenz durch imitierte Billigimporte bedroht. Das künstlerische Handwerk hat durch die Gestaltungskraft der Künstlerin oder des Künstlers eine sehr viel stärkere Position. Es fragt sich aber, ob die immer mangelhafter werdende Bildung nicht zu einem Verlust an Menschen führt, die diese künstlerischen Arbeiten zu würdigen wissen.

„LöffelObjekte“ von Antje Dienstbir, ausgestellt im Goldschmiedehaus.
Art Aurea: Wie sehen denn die konkreten Berufsaussichten von jungen Menschen aus, die sich für künstlerisches Handwerk oder Angewandte Kunst entscheiden?
Ariel: Künstlerisches Handwerk und Angewandte Kunst bieten nach wie vor jungen Menschen gute Berufsaussichten. Bedauerlich ist, dass durch den Fortfall der Meisterpflicht im Goldschmiedehandwerk Institutionen wie die Zeichenakademie in Hanau in ihrem Bestand gefährdet sind. Im Bereich der Angewandten Kunst haben sich durch die elektronischen Medien neue Felder für Angewandte Künstler aufgetan, z.B. bei der Entwicklung von Spielen. Produkt- und Kommunikationsdesign sind nach wie vor attraktive Bereiche Angewandter Kunst. Studiert man Untersuchungen über die Lebenssituation von „freien“ Künstlern, ist anzunehmen, dass die „Angewandten“ größere Chancen haben, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen.



