Die Wiedergeburt von Art Aurea / Magazin

Die Wiedergeburt von Art Aurea

06. Juli 2009 Ulm

Experimentierfreudig und unkonventionell zeigten sich die ersten Titelseiten von Art Aurea aus den Jahren 1985 und 1986.

Viele Schmuckschaffende, Designer, Künstler, Silberschmiede, Galeristen, ebenso Sammler und Käufer von zeitgenössischem Schmuck und Objekten, kennen die Zeitschrift Art Aurea, die zwischen 1985 und 1996 erschienen ist. Art Aurea, übersetzt etwa „Goldene Kunst“, entstand aus meiner Begeisterung für die damals kaum bekannte Schmuckkunst und für anspruchsvolles, künstlerisches Handwerk. Modernes Schmuckdesign steckte noch in den Kinderschuhen und lernte gerade das Laufen. Als junger Chefredakteur einer Uhren-Fachzeitschrift hatte ich eher zufällig eine Schmuckkunst-Ausstellung besucht. Arbeiten von Barbara Plersch und von Jan Dix, dem Sohn des Malers Otto Dix, waren dabei. Viele Stücke waren durch die Verwendung von Acryl und Lacken farbig und expressiv. Sie unterschieden sich auch im Volumen elementar vom üblichen bekannten Industrieschmuck.

AUFBRUCH ZU NEUEN UFERN

Kurz darauf suchten Münchner Goldschmiede einen Herausgeber für eine Publikation. Sie sollte eine Schmuckausstellung im Künstlerhaus am Lenbachplatz begleiten. Da ich eine gewisse Narrenfreiheit in meinem ehemaligen Verlag in Ulm genoss, machte ich das Heft. Hilfestellung leistete ein Grafiker, der an der FH in Schwäbisch Gmünd studiert hatte und die inzwischen aufgelöste Schmuckklasse von Professor Slevogt kannte. Auf der Münchner Schmuckausstellung im November 1985 wurde uns die erste Aurea aus den Händen gerissen. Der Erfolg war so überwältigend, dass wir es wagten, das Heft viermal pro Jahr herauszubringen. Kurz darauf wurde der Titel durch das anspruchsvolle Wörtchen Art ergänzt.

Art Aurea verlangte eine Menge Herzblut! Ungezählte private Stunden und Wochenenden waren zu investieren, in denen Beiträge zu schreiben, Layouts zu kleben und Kontakte zu knüpfen waren. Im Verlag war in den ersten Jahren dafür kaum Zeit. Die Wochenenden dienten auch dazu, Ausstellungen und Veranstaltungen zu besuchen. Dort, wo sich die Szene traf, wurde heftig über Schmuckkunst und ihr Verhältnis zu freier Kunst diskutiert. Käufer waren eher Mangelware. Doch dies tat der Aufbruchstimmung, die durch Art Aurea kräftig befeuert wurde, keinen Abbruch.

Im Rückblick waren diese ersten Art-Aurea-Jahre für mich eine essentielle Erfahrung und ein großes persönliches Abenteuer. In Gesprächen mit bedeutenden Goldschmieden wie Friedrich Becker, Hermann Jünger, Max Fröhlich, Peter Skubic, Johanna Dahm und Otto Künzli, mit Designern wie Carl Dau und Hans-Hermann Lingenbrinck sowie mit Galeristen wie Inge Asenbaum, Helen Drutt, Paul Derrez und Jürgen Eickhoff lernte ich verschiedene Positionen moderner Schmuckkultur kennen. Begegnungen mit Design- und Architekturgrößen wie Alessandro Mendini, Matteo Thun (Memphis), Antonio Citterio und Volker Albus erweiterten meinen Horizont und schärften mein Urteilsvermögen für Gestaltungsqualität.

Kragen aus Aluminium von Emmy van Leersum, 1967. Der Beitrag über die holländische Schmuckavantgarde zum 10jährigen Jubiläum der Galerie Ra, Amsterdam 1986 in Art Aurea.

Die Ausstellung “Affenliebe, Hexenbesen und Samurais” von 1986, mit dem “Crusader” von Esther Knobel, Jerusalem. Titelstory in Art Aurea.

SCHMUCK ALS ZEITGENÖSSISCHE GESTALTUNGUNGSKULTUR

Von Anfang an versuchte ich, den neuen Schmuck im Kontext von Angewandter Kunst und Design ganzheitlich und grenzüberschreitend darzustellen: als zeitgenössische Gestaltungskultur, die Berührungspunkte aufwies zur Bildenden Kunst, zur Architektur und zu den Designbewegungen jener Jahre, vor allem dem Neuen deutschen Design. Auch völkerkundliche und soziologische Aspekte hatten ihren Platz in Art Aurea. Wir zeigten den Schmuck von Kulturen wie den Akahs, die gerade unter dem Einfluss der Zivilisation ihre Identität verloren oder von Punks, die als Subkultur in den 1980ern auch in Deutschland für gesellschaftliche Aufregung sorgten. Art Aurea wurde bei seinen Lesern ein großer Erfolg und genoss in kürzester Zeit Kultstatus. Wirtschaftlich war Art Aurea in einem Verlagshaus, das auf Anzeigenumsätze schaut, jedoch immer schwierig durchzusetzen.

Zwei Akha-Frauen aus dem Norden Thailands. Art Aurea berichtete auch über völkerkundliche Themen. Fotos Peter Herion. Text Dr. Richard Bühler.

Durch mein Ausscheiden aus dem Ebner Verlag Ulm vor zwei Jahren habe ich jetzt die Chance, Art Aurea im Institut für Schmuckkultur neu zu etablieren. Die Form als Online-Magazin, ergänzt durch das Konzept der Modern Jewelry Collection, eröffnet die Möglichkeit, nicht nur Fachleser, sondern ein großes internationales Publikum zu erreichen. In Kürze wird die gesamte Plattform auch in Englisch verfügbar sein. Die Zielsetzung von Art Aurea, ein kritisches, für alle wichtigen Strömungen offenes Forum für moderne Schmuckkultur und Angewandte Kunst zu sein, wird sich nicht verändern. Denn noch immer handelt es sich bei zeitgenössischem Schmuck um eine junge Entwicklung, die kaum 50 Jahre alt ist. Weltweit gesehen ist dieses Alternativkonzept gegen beliebigen Massenschmuck und konventionellen Juwelenschmuck kaum wahrnehmbar. Doch hat der neue Schmuck ebenso wie Objekte der angewandten Kunst in unseren individuell geprägten, modernen Gesellschaften noch erhebliches Zukunftspotential.

DIALOG UND AUFKLÄRUNG

Art Aurea wird auf hohem Niveau die Vielschichtigkeit und Entwicklung moderner Schmuckkultur und verwandter Bereiche wie Silberschmiedekunst und künstlerische Gebrauchsobjekte zeigen. Die Form des Internetportals wird einen erweiterten Dialog ermöglichen zwischen den Machern, den Vermittlern und ihrem Publikum. SchmuckträgerInnen können hier erfahren, welche Designer, Künstler und Manufakturen interessant sind und warum. Menschen, die kunstvoll gestaltete Dinge, abseits vom Mainstream, suchen, werden hier fündig werden. Wir möchten aufgeschlossene Frauen und Männer ermutigen, interessante, anspruchsvolle Stücke zu tragen und sinnstiftend in künstlerische Objekte zu investieren. Ein größeres Publikum soll wissen, dass es für beste Qualität und Gestaltung vergleichsweise niedrige Preise bezahlt und dass Billigware, erzeugt nicht selten mittels Kinderarbeit in Drittweltländern, teuer ist. Art Aurea wird nicht zuletzt dazu beitragen, engagierte Gestalter, Ateliers, Geschäfte und mittelständische Familienunternehmen am Leben zu erhalten und sinnerfüllte Tätigkeit für kreative junge und ältere Menschen zu schaffen.

Die Aufklärungsarbeit für modernen Schmuck und Angewandte Kunst wird gegenwärtig vor allem von Galerien und modernen Juweliergeschäften geleistet. Denn es gibt nur wenige Medien, in denen RedakteurInnen Interesse und Verständnis für modernen Schmuck und künstlerische Objekte haben. Die Redaktion von Art Aurea wird versuchen, unabhängig und für alle wichtigen Strömungen offen, dieses Manko zu beseitigen. Wenn dies für Mitbewerber anderer Verlage ein Ansporn ist, sich ernsthaft und nicht nur mit dem Blick auf Anzeigenerlöse um niveauvollen Schmuck und künstlerische Objekte zu kümmern, umso besser.

Für die bisherige Ermutigung und Unterstützung unseres Projektes darf ich mich bei allen Teilnehmern der Modern Jewelry Collection, bei dem Kuratorium der Modern Jewelry Academy, und meinen Mitarbeitern herzlich bedanken. Alle Freunde und Interessenten von anspruchsvoller Schmuckkultur und Angewandter Kunst bitte ich, die Botschaft weiter zu sagen: Es gibt wieder Art Aurea – zunächst nur im Web in deutscher Sprache, bald auch in Englisch und – falls genügend Interesse besteht – im nächsten Jahr auch wieder als Zeitschrift. Reinhold Ludwig, Herausgeber