Alles Schmuck!
Marit Bindernagel und Kathrin Sättele betreiben in Hildesheim ein gemeinsames Atelier. Ihre diesjährige Ausstellung „Alles Schmuck! – Schaffende 5“ mit 27 SchmuckgestalterInnen werde in ihrem Umfang wohl einzigartig bleiben, sagen sie. „Wir haben eine persönliche Auswahl an Schmuckleuten getroffen die uns begeistern, so dass eine bunte Mischung an bekannten und weniger bekannten Arbeiten zusammen gekommen ist.“ Die Ausstellung bietet allen Schmuckinteressierten in der Region Hildesheim ein niveauvolles Spektrum zeitgenössischer Schmuckkultur. Es reicht von solidem Goldschmiedehandwerk über innovatives Schmuckdesign in Kleinserien bis hin zu künstlerischen Unikaten der Spitzenklasse.
Der Schmuck von Aliki Apoussidou wird geformt durch drei verschiedene Kräfte: hohen Druck, Hitze und die kohäsiven Kräfte des Materials Metall. Dieser Prozess transformiert einen statischen geometrischen Grundkörper in eine biomorphe Form voller Energie. Zum Beispiel einen Eisenring, innen wunderbar weich poliert, außen lebendig, schwarz und wehrhaft.
Heike Besslich lässt sich für ihre Ketten inspirieren von den Geschlechtsorganen der Blüten, wie Staubbeutel und Fruchtknoten, sowie die Samen, die nach einer Blütenbefruchtung entstehen können. Ihre „Päckchenkette“ lebt von dem Geheimnis, das Päckchen bergen. Die unregelmäßigen Abstände und der Wechsel von geschwärztem und hellem Silber verstärken die Wirkung.
Michaela Binder liebt das Spiel der Verwandlung. Ihre Schmuckstücke lassen sich täglich neu kombinieren. „Heute in leuchtendem Küss-die-Hand-Rot, morgen in schüchternem Pfefferminz-Grün“, erklärt die Designerin und Galeristin. Die Schmuck-Trägerin könne so immer wieder andere Facetten ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck bringen.

Ring, Kreisquadrat, Aliki Apoussidou, Eisen.

Kette, Päckchen, Heike Besslich, Silber.

Doppelringe, Michaela Binder, Silber, Filz.
Die Stücke von Marit Bindernagel in kraftvollen, geometrischen Formen überzeugen durch ihre Leichtigkeit und Harmonie von Form, Material und Farbe. So wie der Armreif „Raumtänzer“ treten sie mit ihrem Besitzer in Interaktion und eröffnen einen Dialog zwischen Innen und Außen. „Das Besondere an meinen Arbeiten ist ihre Lebendigkeit“, sagt Marit Bindernagel.
Die Kirschkernkette von Sam Tho Duong wird in dem Katalog „Choice“ von Barbara Maas so beschrieben: „Im Innern des Kerns liegt der Ursprung des Wachstums. Und so wie sich aus dem Kern – dem Samen – die Pflanze entwickelt, so wächst der Schmuck von Sam Tho Duong: stetig, sich verzweigend, variantenreich.“
Weil ein Stein rundum schön ist, zeigt Annette Ehinger ihn von allen Seiten, ohne ihn zu durchbohren. Zu ihrem Konzept bemerkt sie: „Ich verarbeite nur Natursteine, auf deren Schönheit ich eingehe, indem ich manche Stellen roh lasse und natürliche Facetten weiter nutze.

Marit Bindernagel, Armreif Raumtänzer, Silber.

Kirschkernkette von Sam Tho Duong, farbig Kirschkerne.

Ohrschmuck, Kette und Ring von Annette Ehinger. Lemon Citrin, Citrin, Amethyst, Gold 750.
Die Kunstharzringe von Monika Jakubec bestehen aus einem Rahmen aus Silber, der von farbigem Kunstharz ausgefüllt ist. Beim Tragen der Schmuckstücke offenbart sich die Wirkung. Plakative Farbflächen lassen durch ihre Transparenz wie durch ein kleines Fenster den Blick auf einen Ausschnitt der Haut fallen, verzerren und verfremden diesen.
„Wenn ich Stücke erfinde, sind sie zunächst oft wie Lebewesen für mich. Ich spüre regelrecht ihren Atem, ihr Pulsieren und ihre Bereitschaft sich zu wandeln, mir ihre verschiedenen Gesichter oder Facetten zu zeigen.“ So Hilde Janich über ihren Schmuck im Ausstellungskatalog 2004 des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg.
Die Arbeitsprozesse von Astrid Keller werden bestimmt durch das Vergnügen am Beobachten, am Spielen und Experimentieren und der Liebe zu den verschiedensten Materialien und deren Eigenschaften. Ihre Ohrhänger aus goldenen Ösen bilden kleine, transparente Schalen.

Monika Jakubec, Ringe Kegel Silber und Kunstharz.

Halsschmuck, Grüne Kette, Hilde Janich, farbiges Pergament, Perlen.

Ohrhänger von Astrid Keller, Ösen, Gold.
„In meinen Arbeiten spiele ich mit Kontrasten, die die sinnliche Ausdruckskraft des Materials zu vollem Leben erwecken“, erklärt Merle Küster zu ihrem Schmuckschaffen. Antje Mokroß nutzt die Jahrtausende alte Technik des Emaillierens für neue Gestaltungsformen. „Immer wieder aufs Neue fasziniert mich die unglaubliche Tiefe, Vielfalt und Leuchtkraft der Farben“, bekennt sie.
„Ein schöner Rücken kann auch schmücken.“ Dies war das Motto von Melanie Nützel für ihre Serie der Unikatbroschen „Buntmetallkäfer“. Die Gestalterin thematisiert die Vielfalt der Natur und begeistert sich für Varietäten. Nicht ohne Grund werden Käfer häufig als lebendes Juwel bezeichnet und haben eine lange Tradition im Schmuck. Nützel verleiht ihren Buntmetallkäfern “neue Kleider” und erschafft so eine „Momentaufnahme in der langen Kette der Evolution.“
Die silbernen Ossa-Sepia-Ringe von Annette Reiter erhalten ihre wellenartige Struktur durch den als Gussform verwendeten Schulp. Durch ihre Massivität sind sie als „gewichtige“ Schmuckobjekte tragbar.

Halsschmuck von Merle Küster, Silber, Pergament.

Brosche, Käfer 10 von Melanie Nützel, Eisen, Kupfer.

Ring Sepia von Annette Reiter, Silber, Gold.
Katrin Sättele sagt zu ihrem Schmuckschaffen: „Gewachsen, beständig, zeitlos ist meine Arbeit. Die Freude am Schmieden, die Farbe des Goldes, die Lust am Leben bestimmen meine Haltung.“ Ihre „Ohrflügel“ sind eine Offenbarung für alle, die gerne ohne Stechen modernen Ohrschmuck tragen möchten.
Poesievoll bemerkt Claudia Rinneberg zu ihrem Schmuck. „figur und form findet mich am werktisch sitzend. manchmal suchend. oft erstaunt. das leben ist es, dass sich bahnt und träume gestaltet, die zu unseren räumen werden.“ Die Ringe der Goldschmiedin aus Eisen, Silber oder Gold haben sich von jeder Perfektion verabschiedet und setzen dafür auf die Aura natürlicher unregelmäßiger Strukturen.
Jeder kennt sie, die nützlichen Radiergummis, mit denen wir unsere Schreib- und Zeichenfehler zu eliminieren versuchen. Claudia Römer hat daraus eine Kette gemacht – ein dekoratives, humorvolles Talkingpiece. „Schmuck der originell ist, im Alltag genauso wie zum festlichen Anlass. Auch wenn er durch Kleidung unterstrichen wird, so ist er dennoch keiner Mode unterworfen,“ erklärt sie dazu.

Ohrschmuck, Ohrflügel von Kathrin Sättele, Gold 750.

Ringe “ringring“, Claudia Rinneberg, Gold, Silber, Eisen.

Radiergummikette von Claudia Römer, Radiergummis.
Die „Häkelserie“ von Karla Schabert entstand, indem sie Ketten aus klassischen Frauenportraits mittels der Häkeltechnik nachbildete. Der Reiz der nostalgisch anmutenden und gleichzeitig schlichten, modernen Formen liegt in der Oberflächenstruktur und Farbigkeit des Baumwollgarns. „Bei dieser Serie ist nicht das Material das Wertvolle, sondern die Arbeit“, sagt sie.
Die emaillierten Schmuckstücke von Isabell Schaupp erinnern an eine unbekannte Tier- und Pflanzenwelt. Fotografierte Drahtstrukturen wachsen aus ihrer Flächigkeit heraus und strecken sich dem Betrachter in Form zarter Drahttrichter entgegen.
Torsten Trautvetter kombiniert aus feinsten Edelmetallstreifen hergestellte Flächen und echte Steine. So ist auch die abgebildete Brosche entstanden. Eine optisch wirkungsvolle, tragbare Schmuckgrafik für den Körper und ein Objekt an der Wand.

Halsschmuck aus der Häkelserie von Karla Schabert, Baumwollgarn, Textilband.

Brosche, 2Ohrenblume von Isabell Schaupp, Silber, Kupfer, Fotoemail, Koralle, Textil.

Brosche von Torsten Trautvetter, Gewebe, Silber, Gold, Achat.
Erik Urbschat erprobt, was das Material zulässt und welche Gestaltungsmöglichkeiten eine Arbeitstechnik bietet. Die ersten Entwürfe werden dabei „immer weiter auf das Wesentliche zusammen gekürzt“, erläutert er. „Ich strebe die ideale Verknüpfung von Form, Material und Bearbeitung an.“
Der Einsatz von spanlosen Verformungstechniken wie Lochen, Spalten und Dehnen bestimmt die Form der Schmuckstücke von Nicole Walger. Daraus resultiert ihre archaisch und organisch anmutende Wirkung. Die dem traditionellen Eisenschmieden entlehnte Technik und die geometrische Grundform begründet die natürliche Eleganz.
Die Ringserie „Morphose“ von Kirsten Wittstruck zeigt zarte Pflanzen oder Samen und ihre verschiedenen Wachstums- bzw. Entwicklungsstadien. Sie ist, sagt die Gestalterin „wie die Serie „Insekten“ eine Hommage an die Vielfalt der Natur.“

Ring, Igel aus Silber von Erik Urbschat.

Ringe, 7×7×20, Nicole Walger. Gold, Silber und Eisen.

Insektenringe von Kirsten Wittstruck, Silber, Feinsilber geschwärzt.
Werkstattatelier Sättele und Bindernagel, Heinrichstraße 26, Hinterhaus, 31137 Hildesheim. Ausstellung am 19./20. und 26./27. September 2009. Öffnungszeiten 11.00 bis 19.00 Uhr. Vernissage am Freitag, 18. September, ab 19.00 Uhr.



