Acht Wismarer aufgefischt

Vernissage in der Galerie Mangold. Die Schmuckgestalterin Eva Simsheuser, links, und die Leipzig-Besucherin Silke Krause aus Karlsruhe.
Sie sind „Frisch ins Netz gegangen und in Leipzig gelandet“ erklären Daniela und Thomas Seidel, die gemeinsam die Schmuckgalerie Mangold in Leipzig betreiben. In der Ausstellung “Aufgefischt – Acht Wismarer Schmuckgestalter” sind aktuelle Arbeiten von acht jungen SchmuckgestalterInnen der Hochschule Wismar zu sehen. Sie kommen alle aus der ersten Schmuckklasse von Prof. Andrea Wippermann. Diese hat bei Dorothea Prühl an der Burg Giebichenstein studiert. Die Abschlussarbeiten sowie neue Schmuckstücke machen individuelle Gestaltungswege und neue Tendenzen im künstlerischen Schmuck deutlich. Von der Mythologie und Kulturgeschichte bis hin zur Technologie unserer Zeit reichen die Themen.
Alexander Vohswinkel, Berlin, präsentiert Stücke seiner Abschlussarbeit „Persönlicher Zierrat“. Die abgebildete Brosche zeigt Anklänge einer elektronischen Kamera. Vohswinkel nutzte dafür moderne Fertigungstechniken in Kombination mit traditionellem Handwerk.
„Augenblick – Moment der Gestaltung“ nennt Eva Simsheuser, Hamburg, eine Brosche. In einem kreisrunden Rahmen aus Silber „schwappt“ das von einer Gitterstruktur durchzogene, verformte Acryl wie Wasser in einem Schwimmbassin.
Zeitmangel, Informationsflut, Vereinsamung, Sucht und Selbstzweifel sind Problemfelder, auf die Susanne Kunz, Stuttgart, mit ihrem Schmuck reagiert. Die Gestaltung ist bewusst an Mystisches und Amuletthaftes angelehnt. Verschiedene Zeichen und Symbole kombiniert ergeben seltsame Mischwesen. So entstand Schmuck zum Thema »Amulett – Glaube« ohne selbst Amulette sein zu wollen.

Brosche, Alexander Vohswinkel, 2007, Titan, Gold 750, farbige Gläser.

Brosche „Hellgrün“, Eva Simsheuser, 2008, Silber, Acrylglas.

Halsschmuck „Eledrant“, Susanne Kunz, 2007, Kupfer emailliert, Silber.
Katrin Heinrich stammt aus einer Weingutfamilie aus Heilbronn. Ihr Halsschmuck „Wein trifft Schmuck“ ist das unverzichtbare Accessoire gegenwärtiger und zukünftiger Weinköniginnen.
Licht und Schatten stehen als Metaphern für Leben und Tod. Die Glaubensveränderung und die Verdrängung der Gedanken an den Tod gaben Mandy Rasch, Berlstedt bei Weimar, den Anstoß, sich diesem Thema im Schmuck zu nähern. Entstanden sind Schmuckstücke, die keine Engel sind, aber Begleiter, die gedanklich zwischen Diesseits und Jenseits schweben.
Sofia Schaffstein, Pforzheim, findet in ihrer ausgestellten Arbeit „Verlorene Erinnerung“ gestalterischen Ausdruck für das Phänomen des Vergessens. Ausgangspunkt sind Motive aus alten Fotografien, wobei Sofia Schaffstein besonders mit Umrissen von Gegenständen und deren Wiederholung und Bündlung arbeitet.

Halsschmuck, Katrin Heinrich, 2008, Silber, Polycarbonat, Acryl.

Brosche “Sphärisches Wesen“, Mandy Rasch, 2007, Pergament, Silber, 9,5 × 13 cm.

Medaillon, Sofia Schaffstein, 2008 Neusilber, Silber, Furnierholz.
Ausgangspunkt der Diplomarbeit von Ariann Ruhle, Leipzig, ist die Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Die Romanfigur hat die Gestalt eines Insekts angenommen und beschreibt ihre veränderte Sicht der Welt. Die fremde Wahrnehmung und der Insektenblick auf die Dinge inspirierte Ariann Ruhle nach Kafka zu einer weiteren wundersamen Metamorphose: vom Albtraum zum Schmuck!
Antje Godglück, Wismar, befasst sich mit dem zufälligen Aufeinandertreffen von Individuen, dem Wiederfinden in gleichen Situationen und wie diese die verschiedenen Lebensläufe beeinflussen. Diese ist in der Brosche „Ballast“ aus Stahl und Beton jedoch schwer nachzuvollziehen.
Generell ist zu bemerken, dass den Stücken zumeist eine intensive thematische Auseinandersetzung zugrunde liegt. Doch erscheinen die Arbeiten damit kaum überfrachtet, sondern wirken erfrischend zeitgemäß. Das weitgehende Verschwinden traditioneller Materialien der Goldschmiedekunst, sieht man von etwas Silber ab, ist hingegen auch bei den Wismarern zu beobachten. Liegt es daran, dass der Glaube an den Hochschulen zum Dogma wird, Gold, Platin, Edelsteine und Perlen stehen moderner Schmuckkunst im Wege? Oder mangelt es einfach an den finanziellen Möglichkeiten bei den Studenten und Absolventen? Über diesen Aspekt gilt es zu diskutieren. Denn leichtfertig sollten vor allem die Professoren als finanziell abgesicherte Staatsdiener ihren Studenten nicht die Chance verbauen, mit ihrem Schmuck erfolgreich zu sein. Denn dafür bietet die Faszination, die kostbare Materie bis heute genießt, noch immer die sicherste Grundlage. Art Aurea wünscht den acht Wismarern, dass sie sich mutig „freischwimmen.“

Halsschmuck „Verwandlung“, Ariann Ruhle, 2008, Silber, Kupfer emailliert, 20 × 30 cm, Foto: Ariann Ruhle.

Brosche “Ballast”, Antje Godglück, 2009, Stahl, Beton, Foto: Antje Godglück.
Die Ausstellung läuft noch bis 31.10. 2009. Öffnungszeiten: Di–Fr, 12–19 Uhr, Sa 11–18 Uhr. Schmuckgalerie Mangold, Thomaskichhof 17, 04109 Leipzig, http://www.galerie-mangold.de



