Dorothea Prühl

„Windblumen“ von Dorothea Prühl, 1989, Silber, Höhe einer Form 14 cm. Foto: Helga Schulze-Brinkop
Nur die wirklich Großen der Schmuckkunst haben das Glück, ihr Werk in einer Einzelaustellung der Pinakothek der Moderne zu zeigen. Die Ausstellung, die Florian Hufnagl im Frühjahr 2009 der Schmuckgestalterin Dorothea Prühl in München widmete, bestätigte einmal mehr, dass anspruchsvolle Schmuckkunst absolut gleichrangig neben den Freien Künsten bestehen kann. Wer die imposante Präsentation nicht sehen konnte, dem sei jetzt das großformatige Buch “Dorothea Prühl – Colliers” empfohlen.
Seit Jahren konzentriert sich die ostdeutsche Künstlerin, geboren 1937 in Breslau, auf Halsschmuck. Das französische Wort Collier verheiße seiner Trägerin Würde, ist auf dem Buchumschlag zu lesen: „In genau diesem Sinn reklamiert Dorothea Prühl den Begriff für ihren Schmuck.“ Doch reicht diese Erklärung aus? – Die traditionelle französische Bezeichnung Collier ist in unserer Vorstellungs-Dingwelt als der reich mit Edelsteinen besetzte Juwelenschmuck eingegraben. Das aber sind die expressiven Unikate von Dorothea Prühl gerade nicht. Ihr Halsschmuck verzichtet zwar nicht auf den Glanz von Gold und Silber, aber Steine, ganz typisch für Colliers, finden sich keine. Dagegen setzt die Gestalterin auf die Kraft der reinen und nicht selten plastischen Form. Ihre starken Stücke weisen abstrahierte Naturmotive auf: den Habicht, Schmetterlinge und Blumen aus Holz, Füchse und Baumtiere aus Golddraht, Libellen aus Edelstahl und Gold oder die Raben aus Edelstahl, Titan und Gold. Aber auch sehr stille minimalistische Colliers wie die Reifen oder Winkel werden unter dem klingenden Namen geführt. In jedem Fall resultiert die Würde der Schmuckstücke von Dorothea Prühl allein aus der künstlerischen Qualität.
Dies betont auch Renate Luckner-Bien in ihrem erklärenden Text: „Der mehr oder weniger deutlich erkennbare Bildgegenstand birgt keine verborgenen Botschaften und lässt deshalb keine Deutungen zu, die auf etwas außerhalb seiner selbst Liegendes verweisen. Die Arbeiten sind genau das, was sie vorgeben zu sein. Sie haben keinen doppelten Boden. Es gibt keine Erzählung, nirgends.“ Doch darf man sich die Frage stellen, ob sich nicht doch bereits in der Verwendung des Begriffs „Colliers“ eine deutliche Kritik an klassischer Juwelenpracht verbirgt, eine Absage an die herkömmlichen Mittel, Würde zu verleihen?

„Habicht“ aus Ulmenholz von Dorothea Prühl, 2006, Höhe 40 cm.

„Schmetterlinge“ von Dorothea Prühl, 2008, Kirschholz, Länge einer Form 8,5 cm.

„Blumen aus Augustenberg“, 1989, Erlenholz, Höhe 28 cm.

„Füchse“, 2004, Silber, Gold, Höhe 30 cm.

„Vögel in der Luft“, 2007, Edelstahl, Gold, Länge einer Form 18 cm.

„Baumtiere“, 2002, Gold, Titan, Länge einer Form 12,5 cm. Alle Fotos Helga Schulze-Brinkop
ERNEUERUNG DER SCHMUCKKUNST IM OSTEN
Nach ihrem Kunststudium an der Burg Giebichenstein in Halle von 1956 bis 1962 war Dorothea Prühl zunächst als Gestalterin für Serienschmuck in der Industrie tätig, bevor sie 1966 einen Lehrauftrag im Bereich Schmuck in Halle erhielt. Zusammen mit Renate Heintze, 1936-1991, erarbeitete Dorothea Prühl ein Ausbildungskonzept, das am Unikat orientiert war und sich gegen die von der DDR-Regierung verordnete Designorientierung richtete. Wie an den westlichen Werkkunstschulen in Pforzheim, Düsseldorf und den Kunstakademien in München, Padua, London oder Amsterdam sprengte Dorothea Prühl auch den Rahmen handwerklicher Konventionen im Schmuck jener Zeit. Seit 1991 als Leiterin und seit 1994 als Professorin betreute Dorothea Prühl die Schmuckklasse der Burg Giebichenstein bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2002.
Der Formenreichtum der Colliers von Dorothea Prühl – im Einklang mit der Kunst der klassischen Moderne – ist bestechend. Auch wenn im normalen Vorstellungsvermögen viele Stücke als sperrig erscheinen ist ihr plastische Kraft überwältigend. Dorothea Prühl bemerkt zu ihrem Werk: “Schmuck ist mir wichtig in seiner ursprünglichen Bestimmung. Dazu gehören Tragbarkeit, Haltbarkeit und Kostbarkeit im weiten Sinne. Meine Themen sind zusammengefasste Eindrücke von Erscheinungen der mich umgebenden Welt, zu denen ich eine innige Beziehung habe. Am Material interessieren mich neben den ästhetischen vor allem die formbestimmenden Eigenschaften. Halsschmuck ist für mich Schmuck par excellence.“ Florian Hufnagl, leitender Direktor der Neuen Sammlung, bemerkt: “Die Arbeiten von Dorothea Prühl haben Größe, in jeder Hinsicht… Mit ihrem Schmuck hat sie Zeichen gesetzt, unübersehbar, bleibend. Ihre Colliers verleihen Kraft – nicht nur dem Träger, sondern auch dem Betrachter. Und dies ist ein Geschenk.“ Für dieses „Geschenk“ wünscht man sich kunstsinnige Schmuckträgerinnen, die den Mut haben, etwa bei Oscar-Verleihungen oder Berlinalen, ihre üblichen Colliers gegen die „Vögel“, „Fische“ oder die „Winkel“ von Dorothea Prühl einzutauschen. Dies könnte die Diskussion, was ein Collier für unsere Zeit ist, erst richtig entfachen.

Dorothea Prühl, „Große Winkel“, 1999, Silber, Länge einer Form 10 cm, Dauerleihgabe der Danner-Stiftung, München, Foto: Helga Schulze-Brinkop

„Zwei Reifen“, 1998, Gold, Höhe 32 cm; Helga Schulze-Brinkop

Dorothea Prühl, „Zickzack“, 1999, Gold, Höhe 32 cm. Alle Stillfotos Helga Schulze-Brinkop

„Halsschmuck ist für mich Schmuck par excellence.“ Dorothea Prühl. Foto: Jutta Kallfelz
Dorothea Prühl – Colliers. Herausgegeben von Florian Hufnagl. Erläuternde Texte: Renate Luckner-Bien. 96 Seiten, 28,5 × 36 cm, 52 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen. Hardcover. Text in Deutsch und Englisch. € 39.80, SFr 71. ISBN 978-3-89790-301-2.



