IST SCHMUCK VERZICHTBAR? / Online Magazin

IST SCHMUCK VERZICHTBAR?

26. November 2010 Ulm, Germany

„Spazz“ heißt das monatliche Stadtmagazin für Ulm und Neu-Ulm. In der Dezember-Ausgabe erscheint ein Schmuck-Spezial. In einem Interview mit Reinhold Ludwig, ART AUREA, stellt Daniel Grafberger nicht ganz untypische Fragen zum Thema Schmuck:

Herr Ludwig, Schmuck ist – theoretisch – völlig verzichtbar, also Luxus. Was fasziniert die Menschen an Schmuck?

REINHOLD LUDWIG: Den Begriff Luxus sollte man differenziert sehen. Gute Musik, Architektur, Kunst und Design – und dazu zählt auch zeitgenössischer Schmuck – sind nicht verzichtbar. Sie entspringen einem tiefen kulturellen Bedürfnis. Dagegen sind viele Luxusprodukte, die sich nicht selten hinter bekannten Labels verbergen, tatsächlich verzichtbar. Ihre künstlerische und handwerkliche Qualität ist oft sehr dürftig, sie werden nicht selten in Billiglohnländern hergestellt, zum Teil sogar in Kinderarbeit.

Wo liegen die geschichtlichen Wurzeln von Schmuck? Wie fing alles an?

RL: 2008 wurde in einer Höhle bei Schelklingen eine kleine Frauenfigur aus Mammutelfenbein gefunden. Mit einem Alter von mindestens 35 000 Jahren ist die „Venus vom Hohle Fels“ die älteste Frauendarstellung der Menschheitsgeschichte – und sie ist eine Art Schmuckstück. Das heißt aber nicht, dass es mit dem Schmuck in der Altsteinzeit in Schwaben angefangen hat. Schmuck ist ein elementarer, identitätsstiftender Teil vieler Kulturen und Völker. In der Urgeschichte wurden ihm magische und religiöse Bedeutungen beigemessen.

Schmuck ist mitunter deutlich mehr wert als die Summe aus Rohstoffen und Zeit. Wie bemisst sich der Wert?

RL: Traditionell hat Schmuck mit kostbaren und seltenen Materialien zu tun, die bis heute begehrt sind und einen gewissen Werterhalt sichern. Doch ist der Materialwert schon seit dem Jugendstil nicht mehr der entscheidende Wertmaßstab. Bei zeitgenössischem Schmuck zählt vor allem die gestalterische Qualität.

Was macht für Sie persönlich guten Schmuck aus?

RL: Früher wurde Schmuck vor allem getragen, um den Status des Mannes oder der Familie zu repräsentieren. Heute können Frauen mit Schmuck selbstbewusst ihren persönlichen Stil, ihr Gefühl für Design und sogar für Kunst zum Ausdruck bringen. Doch ist viel zu wenig bekannt, dass es dafür auch eine ganz neue Art von Schmuck gibt. Er entsteht in künstlerisch orientierten Ateliers und in einigen modernen Manufakturen.

Wer heute über „guten Schmuck“ spricht, darf die Frage der Produktionsbedingungen und der Herkunft der Rohstoffe nicht ausklammern. Damit meine ich menschenwürdige Löhne, keine Kinderarbeit, fairen Handel und den ökologischen Abbau von Edelmetallen und -steinen. Guter Schmuck bewahrt handwerkliche und künstlerische Traditionen, er bietet Gestaltern und mittelständischen Firmen hierzulande Lebenschancen und versucht, auch die Schöpfung zu bewahren.

Schadet günstiger Modeschmuck der Branche?

RL: Der meiste Modeschmuck ist nicht wirklich günstig. Er stammt aus minderwertigen Billigproduktionen und schadet nicht nur der Branche, das heißt, anspruchsvollen Goldschmieden und Schmuckfirmen, sondern auch dem Image der Frauen, die sich damit ausstatten.

Tendenziell tragen eher Frauen auffälligen Schmuck. Warum ist das so? Wird sich das wandeln?

RL: Schmuck ist kulturbedingt ein Frauenthema. Es gibt zwar auch schon mal Kettchen oder Ohrringe bei Männern. Doch der bevorzugte Schmuck des Mannes sind heute eher hochwertige mechanische Uhren.

Darf man in Zeiten eines starken Feminismus Frauen noch teure Juwelen schenken?

RL: Selbstbewusste Frauen haben keinen Feminismus mehr nötig. Statt teure Juwelen empfehle ich, anspruchvolles Schmuckdesign oder künstlerische Unikate zu schenken. Diese gemeinsam auszuwählen und zu diskutieren ist ein spannender Prozess, die Vorlieben und Einstellungen des Partners kennenzulernen.

Gibt es „No-Gos“ in der Schmuckbranche?

RL: Schmuck zu tragen, ist etwas sehr Persönliches. Dies sollte man respektieren, selbst wenn es etwas peinlich aussieht.