Wiener Jugendstil

Gustav Klimt, Detail aus dem Beethovenfries, zu sehen in Balingen.
Mit Werken des Malers Gustav Klimt, 1862–1918, und dem Entwerfer Josef Hoffmann, 1870–1956, gibt die Stadt Balingen interessante Einblicke in die große Zeit des Wiener Jugendstil, die nicht zuletzt durch die Idee des Gesamtkunstwerks geprägt war. Oswald Oberhuber, geboren 1913, markiert den Übergang von der Wiener Moderne zur österreichischen Kunst der Nachkriegszeit.
Zu Gustav Klimt schreibt die Kuratorin Annette Vogel: „Klimt war ein Maler der Frauen. Besonders seine sensiblen Aktdarstellungen erlauben den unmittelbaren Zugang zu seinem Werk, in dem er den Rollen der Frau – als laszive Verführerin, Femme fatale, Schwangere oder Unnahbare – geradezu huldigt. Schwebende lineare Frauenfiguren als Verkörperung der Sehnsüchte führen den Betrachter als Genien durch die lange Wandabfolge des Beethovenfrieses. In einem faszinierenden Geflecht aus Fabeln, Figuren und Formen erzählt er vom Leiden der Menschheit und vom Sieg der Künste und der Liebe….“

Dekor als bildnerisches Konzept: Der Ritter aus dem Beethovenfries.
„Blattgold, Halbedelsteine und Perlmuttern schmücken die 2,15 m hohe Bilderfolge genauso, wie die damals ungewohnt prosaischen Applikationen aus Gardinenringen, Polsternägeln und Spiegelscherben. Die Wahrhaftigkeit des Materials und die Aufrichtigkeit der Inhalte wurden im Jugendstil zum Anliegen. So nimmt der Beethovenfries sowohl inhaltlich als auch technisch und formal in seiner linearen Komposition mit abstrakten Ornamenten eine Schlüsselstellung in der Wiener Moderne ein: Sein Streben nach dem Gesamtkunstwerk spiegelt das legendäre Wien der Jahrhundertwende, das in einer prekären politischen und sozialen Situation, die Einheit der Künste beschwor.
Dazu gehörten so unterschiedliche Positionen wie die Symphonien von Gustav Mahler und Arnold Schönbergs Zwölftonmusik, die Wiener Werkstätte, die Architektur Otto Wagners und die ornamentlosen Bauten von Adolf Loos, Freuds Traumdeutung, sowie in der Literatur Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus.
Der ‚Schmelztiegel Wien‘ ist erstaunlicherweise erst in den 80er Jahren kulturhistorisch gewürdigt worden. 1985 wurde auch die Restaurierung und Installation des Beethovenfrieses im Secessionsgebäude abgeschlossen. Im Zuge dessen entstand eine originalgetreue reisefähige Kopie, welche nun erstmalig in Deutschland zu sehen sein wird.“
Die Stadthalle Balingen stellt den Beethovenfries aus der Österreichischen Galerie des Belvedere ins Zentrum ihrer Ausstellung. Begleitend werden 75 Zeichnungen aus allen Schaffensphasen Klimts und zwei kleine Ölgemälde zu sehen sein.
Katalog im Hirmer Verlag: Gustav Klimt – Beethovenfries – Zeichnungen
Hrsg. Annette Vogel.
160 Seiten, 101 Farbtafeln, 34 Abbildungen in Farbe und 17 in Schwarz-Weiß. 22 × 26 cm, gebunden. München, 2010.
ISBN: 978-3-7774-2881-9
27,50 € [D] | 45,50 SFR [CH]
JOSEF HOFFMANN
Als Mitbegründer der ‚Vereinigung Bildender Künstler Österreichs – Secession‘, der ‚Wiener Werkstätte‘ und des ‚Österreichischen Werkbundes‘ prägte der österreichische Architekt und Entwerfer Josef Hoffmann die Architektur und das Design der Moderne in Österreich und Europa. Sein Name wurde zum Synonym für eine materialgerechte Entwurfspraxis in Architektur und Design in zeitloser Eleganz sowie für die Realisierung von Gesamtkunstwerken… Die Bedeutung der Zeichnung für Architektur und Design bei Josef Hoffmann wird mit dieser Ausstellung erstmals in Deutschland umfassend dargestellt.

Drei Stühle, 1904. Bleistift, schwarze Tusche, grüner, blauer und roter Farbstift auf kariertem Papier.

Textilentwurf, Bleistift, bunte Deckfarben. Fotos: © MAK.
Die Rezeption der Arbeiten Josef Hoffmanns, sowohl während der fünf Jahrzehnte seiner aktiven Tätigkeit als Architekt, Designer, Lehrer und Ausstellungsgestalter, als auch in den Jahren nach seiner Emeritierung von der Wiener Kunstgewerbeschule (1936) bis zu seinem Tod 1956, kennzeichnet die sich wandelnde Beurteilung seiner Position innerhalb der Moderne: vom Avantgardisten zum Bewahrer der Tradition…
Hoffmanns künstlerische Wandlungsfähigkeit im Entwurf war es, die ihm von zeitgenössischen Kritikern, vor allem Adolf Loos, oft zum Vorwurf gemacht wurde, seine antidoktrinäre Haltung und sein Mangel an Radikalität ermöglichten ihm jedoch erst eine individuelle Position…
Der Zeichenstil Hoffmanns ist geprägt von dieser Ambivalenz zwischen Künstlertum und funktionellem Entwurf: Sowohl seine Ausbildung an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Carl von Hasenauer und vor allem bei Otto Wagner als auch sein Vertrauen auf die Kenntnisse der ausführenden Handwerker und Baufachleute spiegeln sich in den Zeichnungen… Zu seinen Entwürfen sagt Hoffmann selbst: „Man sollte die Intuition nicht hemmen. Ich selbst muß immer die Augen zumachen und mir die Sache vorstellen, bevor ich sie beginne.“

Teekessel, 1909. Bleistift und gelber Buntstift auf Papier 33,8 × 42 cm.

Skizze zu Eisbesteck, 1904. Bleistift auf Papier 28,3 × 20,3 cm. Fotos: © MAK
Die Ausstellung „JOSEF HOFFMANN · Ein unaufhörlicher Prozess · Entwürfe vom Jugendstil zur Moderne“ bietet anhand von rund 100 ausgewählten Blättern einen Überblick über Hoffmanns gesamtes zeichnerisches Werk: Entwürfe aus allen Phasen seiner über sechzig Jahre dauernden künstlerischen Tätigkeit, vom secessionistisch-kurvilinearen, über den geometrisch-rektilinearen zum neoklassizistischen Stil, der expressionistisch-folkloristischen Phase bis zur späten Annäherung an den Funktionalismus. Zu sehen sind Entwürfe Josef Hoffmanns für Architektur sowie alle Bereiche der angewandten Kunst, von Besteck und Metallarbeiten bis zu Servicen, Glas, Textilien und Möbeln. Die Ausstellung präsentiert Josef Hoffmann als Designer ebenso wie als Raumgestalter und Architekt…
Der Kunsthistoriker Dagobert Frey hat die Entwurfspraxis bei Hoffmann zu charakterisieren versucht: Hoffmanns Architektur sei stets kunstgewerblich, sein Kunstgewerbe stets monumental-architektonisch empfunden… Die demonstrative Synthese kunsthandwerklicher und architektonischer Elemente im Werk Josef Hoffmanns, die seine ‚Gesamtkunstwerke‘ erst ermöglichte, kann im Rückblick als seine große Leistung akzeptiert werden, wenn man bemerkt, wie sehr sich dieses Prinzip heute unter dem Schlagwort Design verbreitet hat…
Josef Hoffmanns Entwürfe, Bauten und Objekte vermitteln bis heute eine Lebendigkeit, die sich aus dem schöpferischen Austausch zwischen Auftraggeber, Entwerfer und Ausführenden bei deren Gestaltung erklärt. Text Rainald Franz, gekürzt.
Ein informativer Katalog mit dem Titel
Josef Hoffmann – Ein unaufhörlicher Prozess – Entwürfe vom Jugendstil zur Moderne ist im Hirmer Verlag erschieden
144 Seiten, 103 Farbe und 33 in Schwarz-Weiß, 17 Abbildungen in Farbe.
22 × 26 cm, gebunden. München, 2010.
ISBN: 978-3-7774-2891-8
Ca. 24,90 € [D] | Ca. 41,90 SFR [CH]
Stadthalle Balingen, noch bis 26. 9. 2010. Täglich von 10 bis 19 Uhr.
www.stadthalle.balingen.de



