Der neue estnische Schmuck / Online Magazin

Der neue estnische Schmuck

15. März 2010 Tallin - München

Brosche von Eve Margus-Villems, “Fall”, Horn, Weißgold.

In zahlreichen Ausstellungen präsentierten sich in München während der Handwerksmesse auch internationale Schulen und Gestalter. Unter dem Titel ”õhuLoss (luftSchloss)” zeigten sechs estländische Schmuckkünstler dem interessierten Münchener Publikum ihre Werke.

Die Ausstellung von Kadri Mälk, Tanel Veenre, Piret Hirv, Eve Margus-Villems, Kristiina Laurits, Villu Plink im Alten Nordfriedhof offenbarte eigenständige Ausdrucksweisen, die sich von bekannten internationalen Formvorstellungen erfrischend unterscheiden. Zum estländischen Schmuckverständnis schreibt uns Kadri Mälk, Professorin an der Estonian Academy of Arts, Metal department:

“Womit beschäftigt sich der Schmuck? Der Schmuck beschäftigt sich mit dem Zerbrechlichsten, das wir haben – mit dem Menschen und mit der menschlichen Beziehung. Sein Ziel ist die menschliche Psyche.

Es ist eine gestalterische Leistung, wenn ein Schmuckstück wie ein Blitzschlag auf den Betrachter einwirkt, ihn durchrüttelt, sein Bewusstsein oder sogar seine Physis beeinflusst. Auf den Betrachter wirkt das subjektive Erscheinungsbild und darüber lässt sich nicht streiten. Das Unaussprechliche des Erscheinungsbildes weiterzugeben ist ein ewiges Problem. Ein konzentriertes Bild kann unglaublich aussagekräftig sein, es besitzt eine mächtige Kraft ins Wesentliche einzuweihen.

Halsschmuck von Tanel Veenre “Sebastian on the Dark Spring”. Antikes Holz, Kohlestaub, Silber, bob-floats.

Kadri Mälk “Midday of Life”, Brosche, Jet (Gargat), Almandine, Rauchquarz, Silber.

Piret Hirv, “Blizzard, accompanied by Ground Wind”, Brosche, Silber.

Empathisch und sich selbst widerspiegelnd

Der neue estnische Schmuck tastet sich selbst und die Welt und das Leben ab, er ist noch keine Deklaration und kein Glaubensbekenntnis. Leben – das heißt nach J. Ortega y Gasset zu fühlen, dass man sich verlaufen hat. Wer denkt, sich nicht zu verlaufen, verläuft sich unbedingt, er wird sich nie finden. Nur nach dem Leuchten in den Baumwipfeln kann man ahnen, wie man dem Wald entkommt.

Schmuck ist das Medium der Verständigung ohne Worte, der mehr oder weniger direkte Ausdruck der Ambivalenz im modernen Lebensgefühl, gleichermaßen Verdecker wie Entblößer. Nach den Worten der Kunstwissenschaftlerin Heie Treier ‘hat sich der estnische Schmuck in sich selbst und ins Schweigen zurückgezogen. Es scheint hier die Auffassung zu herrschen, dass gerade der kleine, naturnahe und intelligente Schmuck voller Kraft steckt. Dieser Schmuck muss auch durchaus ehrlich sein, da er die menschlichen Gefühle des Trägers/der Trägerin bloßlegt, die gewöhnlich hinter der Maske verborgen werden. Die Idee des Schmucks scheint im leisen Stützen seines Trägers/seiner Trägerin sowie im diskreten Hinweisen auf seine/ihre geistige Identität zu liegen.’” Kadri Mälk

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