KUNSTWERKE AUS DER EISZEIT

VENUSFIGUR AUS MAMMUTELFENBEIN, FUNDORT: HOHLE FELS BEI SCHELKLINGEN, CA. 40 000 JAHRE, HÖHE: 6 CM (© Institut für Ur- und Frühgeschichte, Universität Tübingen; Foto: Hilde Jensen).
Wer bisher dachte, die Menschen der Eiszeit seien raubeinige Zeitgenossen gewesen, die keinen Sinn für Ästhetik und erst recht keine Ahnung von Kunst hatten, wird auf der Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“, die noch bis 10. Januar 2010 im Stuttgarter Kunstgebäude am Schlossplatz zu sehen ist, eines Besseren belehrt. Einige der gezeigten Kunstwerke erinnern in ihrer Reduktion gar an zeitgenössische Gestaltungsformen.
Beim Hauptexponat handelt es sich um die Venusfigur, die erst letztes Jahr im Hohle Fels bei Ulm gefunden wurde und nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wird. Der Fund erregte internationales Aufsehen, da die Venusfigur mit ihrem geschätzten Alter von etwa 40 000 Jahren als ältester bisher bekannter Beleg für figürliche Kunst gilt.
Die Venus vom Hohle Fels, welche im Ausstellungskatalog als die „schwäbische Eva“ betitelt wird, ist möglicherweise sogar die älteste Frauendarstellung der Welt. Ihr Alter übertrifft das der berühmten Venus von Willendorf um mindestens 5000 Jahre. Beiden Figurinen ist gemeinsam, dass ihre Weiblichkeit besonders betont und inszeniert wurde. Brüste, Bauch und Hüfte sind überdimensional vergrößert, während die Extremitäten stark reduziert dargestellt werden. Bei der Venus vom Hohle Fels fehlen Kopf und Hals gar vollständig; stattdessen ist eine Öse asymmetrisch auf den Schultern platziert. Man kann also davon ausgehen, dass die kleine Frauenstatuette als Amulett um den Hals getragen wurde, möglicherweise als Fruchtbarkeitssymbol.

VENUSFIGUREN AUS GAGAT (FOSSILES HOLZ), CA. 15.000 JAHRE, FUNDORT: PETERSFELS, ENGEN (© Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Foto: Yonne Mühleis).
Durch die Zusammenschau mit zahlreichen weiteren Venusfiguren aus Frankreich, Italien, Russland und der Tschechischen Republik wird der Besucher vor dem Fehlschluss bewahrt, es hätte in der Eiszeit nur üppige Frauendarstellungen gegeben. Zwar überwiegen insgesamt gesichtslose Statuetten mit ausgeprägter Weiblichkeit, doch finden sich auch Figuren, die nicht auf ihre Geschlechtlichkeit reduziert sind und deren Gesichter angedeutet werden. Überraschenderweise gibt es neben einer Tendenz zu immer stärkerer Abstraktion, welche in den stilisierten Venus-Amuletten aus Gagat gipfelt, auch völlig gegenteilige Beispiele.
In Frankreich wurden Ritzzeichnungen in Schiefer- und Kalksteinplaketten entdeckt, die an Karikaturen grenzen. Unterschiedliche Körperhaltungen, Frisuren und Gesichtszüge lassen die Widergabe bestimmter Personen vermuten. Leider sind die Originale dieser eiszeitlichen Portraits nicht in Stuttgart zu sehen. Sie wurden aber als Abbildungen der Ausstellung beigefügt.
Eines der Verdienste der Ausstellung ist es, dass Kunst nicht als isolierte Erscheinung dargestellt wird, sondern als zentraler Bestandteil der eiszeitlichen Kultur. Die Kunst war damals so tief im täglichen Leben verwurzelt, dass alle Waffen und Werkzeuge – soweit es sich mit ihrer Form vereinbaren ließ – verziert wurden. Da offenbar kein Detail des dargestellten Tieres fehlen durfte, entstanden außergewöhnliche Schöpfungen.

SPEERSCHLEUDER „DAS SPRINGENDE PFERD“, FUNDORT: BRUNIQUEL, FRANKREICH (© Musée Archéologique Nationale).
Ein besonders schönes Ausstellungsstück dieser Art ist eine plastisch verzierte Speerschleuder aus Rentiergeweih, die aus Frankreich stammt. Sie zeigt ein springendes Pferd, das sich in seiner Körperhaltung der Form der Schleuder anpasst, indem es die Vorderläufe eng an den Körper anzieht und sich über den Hinterbeinen aufbäumt. Augen, Nüstern, Mund und Mähne des Pferdes sind durch Reliefierung detailgenau ausgearbeitet.
Neben figürlicher Kunst werden auch unterschiedlichste Formen kunstvollen Schmucks ausgestellt. In ganz Europa herrschte in der Eiszeit eine Vorliebe für durchbohrte Tierzähne. Regional wurden entweder Anhänger aus Muscheln und Schnecken bevorzugt oder Perlen und Anhänger aus Mammutelfenbein. Der Schmuck hatte in der Eiszeit einen sehr hohen Symbolgehalt. Er diente zum Beispiel als Trophäe nach erfolgreicher Jagd oder als Amulett zum persönlichen Schutz. Er zeigte sowohl individuellen sozialen Status als auch Gruppenzugehörigkeit und fungierte sozusagen als eine Art „Personalausweis“.

KÖRBCHENFÖRMIGE ANHÄNGER, FUNDORT: HOHLE FELS (© Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Foto: Yonne Mühleis).
Auf der Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ wird klar, dass Kunst schon in frühesten Zeiten der Menschheit eine Rolle spielte, und zwar keine marginale. Sie bestimmte das Leben durch unterschiedlichste Funktionen. Zum einen verschönerte sie Alltagsgegenstände und stellte als Schmuck den Status ihres Trägers zur Schau. Außerdem diente sie kultischen Zwecken und wurde als Talisman verwendet.
Überraschend ist die Tatsache, dass der Anfang der Kunst mit einer Art „Urknall“ vor sich ging und ohne infantil wirkende Vorstufen sogleich mit einer faszinierenden Perfektion auftrat. Der Besucher dieser Ausstellung kann sich von der hohen Kunstfertigkeit und dem eindrucksvollen Darstellungsvermögen unserer archaischen Vorfahren ein gutes Bild machen. SaSch
Die Ausstellung im Stuttgarter Kunstgebäude am Schlossplatz läuft noch bis 10. Januar 2010 und hat täglich von 10-18 Uhr geöffnet, donnerstags sogar bis 21 Uhr. Weitere Informationen gibt es unter www.eiszeit-2009.de.



